Ein Ehepaar sitzt mir gegenüber, das Haus ist seit über zwanzig Jahren abbezahlt, die Pension reicht knapp für den Alltag. Das Vermögen ist da, nur eben in Mauern gebunden, nicht auf dem Konto. Diese Situation habe ich in über drei Jahrzehnten als Bankmitarbeiter unzählige Male erlebt, und sie wiederholt sich in ganz Österreich täglich.
Ein Baum, der jahrzehntelang an einem Ufer gewachsen ist, hat tiefe Wurzeln geschlagen. Genau diese Wurzeln geben ihm Halt, aber im Alter braucht es auch Biegsamkeit, sonst bricht er beim ersten stärkeren Sturm. Beim Eigenheim ist es ähnlich: Die Immobilie gibt Sicherheit und ein vertrautes Zuhause, sie kann aber auch unbeweglich machen, wenn plötzlich zusätzliches Kapital gebraucht wird, für Pflege, für Renovierung, oder einfach für ein Leben mit mehr Spielraum.
Viele meiner früheren Kundinnen und Kunden standen vor genau dieser Frage: Verkaufen und in eine kleinere Wohnung ziehen? Im Haus bleiben und sich finanziell einschränken? Oder gibt es einen Mittelweg, der beides zulässt?
Ohne einzelne Anbieter zu bewerten, lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Funktionsprinzipien, die am Markt existieren:
Aus der Beratungspraxis heraus gibt es einige Fragen, die bei jedem dieser Modelle zuerst beantwortet werden sollten, bevor überhaupt über Anbieter gesprochen wird:
Wie hoch sind die tatsächlichen Kosten über die gesamte Laufzeit? Nutzungsentgelte beim Teilverkauf oder Abschläge bei der Leibrente wirken auf den ersten Blick oft kleiner, als sie über zehn oder zwanzig Jahre tatsächlich ausfallen. Eine Hochrechnung über die statistische Lebenserwartung gehört immer auf den Tisch, nicht nur die Zahl für das erste Jahr.
Was passiert im Erbfall? Manche Modelle reduzieren das, was später vererbt werden kann, erheblich. Wer Kinder oder andere Erben hat, sollte diese Konsequenz offen ansprechen, bevor ein Vertrag unterschrieben wird, nicht danach.
Wie seriös ist der Anbieter, und wie unabhängig war die Beratung, die zum Vertrag geführt hat? Gerade in diesem Marktsegment gibt es große Unterschiede in Seriosität und Kostentransparenz. Eine Beratung, die vom Anbieter selbst kommt, ist naturgemäß nicht dieselbe wie eine unabhängige Einschätzung.
Gibt es einfachere Alternativen? Manchmal reicht schon ein klassischer Kredit mit Grundbucheintragung, oder der Verkauf eines Teils des Grundstücks, statt der komplexeren Spezialmodelle. Diese Optionen werden in der Beratung oft zu wenig erwähnt, weil sie für den vermittelnden Anbieter weniger attraktiv sind.
Anders als bei einer reinen Zahlenentscheidung hängt am Eigenheim oft ein Lebensgefühl. Ich habe erlebt, wie manche Kundinnen und Kunden ein finanziell vorteilhaftes Modell abgelehnt haben, einfach weil ihnen der Gedanke, die Immobilie nicht mehr vollständig zu besitzen, nicht behagt hat. Das ist keine irrationale Entscheidung, sondern eine legitime Abwägung zwischen Zahlen und Wohlbefinden. Eine gute Beratung erkennt diesen Unterschied an, statt ihn wegzudrücken.
Ist ein Immobilien-Teilverkauf grundsätzlich schlechter als ein klassischer Kredit?
Nicht grundsätzlich, aber die Gesamtkosten liegen oft höher als bei einem klassischen Kredit, weil das Modell mehr Risiko für den Anbieter abdeckt. Ob sich das lohnt, hängt vom Einzelfall ab, etwa davon, ob überhaupt noch eine Bank einen klassischen Kredit gewähren würde.
Lohnt sich eine Leibrente eher für ältere oder jüngere Ruheständler?
Die monatliche Rente wird umso höher kalkuliert, je höher das Eintrittsalter ist, weil die statistische Restlebenszeit kürzer ist. Für sehr junge Pensionisten fällt die monatliche Rente daher oft vergleichsweise gering aus.
Was passiert, wenn der Anbieter einer Leibrente oder eines Teilverkaufs insolvent wird?
Das ist eine der wichtigsten Fragen vor Vertragsabschluss und sollte konkret mit dem Anbieter und idealerweise mit einem Notar geklärt werden. Die vertragliche Absicherung unterscheidet sich hier deutlich zwischen Anbietern.
Sollte man sich allein auf die Beratung des Anbieters verlassen?
Nein. Eine zusätzliche, unabhängige Einschätzung, etwa durch eine Verbraucherzentrale, einen Notar oder eine unabhängige Finanzberatung, ist bei einer derart weitreichenden Entscheidung immer sinnvoll.
Am Ende geht es nicht darum, das Eigenheim als Belastung zu sehen, sondern als das, was es ist: ein wertvoller, aber gebundener Teil des Vermögens. Ob und wie man diesen Teil beweglich macht, ist eine höchst persönliche Entscheidung, die Zahlen und Gefühl gleichermaßen verdient. Ein Baum mit tiefen Wurzeln muss nicht gefällt werden, um sich dem Wind anzupassen, aber er sollte wissen, wie biegsam er im Ernstfall tatsächlich ist.
Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag spiegelt die persönlichen Praxiserfahrungen des Autors aus seiner Zeit als Bankmitarbeiter wider. Er stellt keine individuelle Finanz-, Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Vor dem Abschluss von Verträgen zu Immobilien-Teilverkäufen, Leibrenten oder vergleichbaren Modellen sollte stets eine unabhängige Beratung, etwa durch eine Verbraucherzentrale, einen Notar oder eine unabhängige Finanzberatung, in Anspruch genommen werden.
Weiterführend zur Einordnung: Leibrente auf Wikipedia.
Mehr zum Thema Geldblockaden und Bankenlogik: siehe den Artikel Geldblockaden lösen und Geldangst überwinden.
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