Bevor ich mich ganz der Schwemmholzkunst widmete, war mein Alltag von Terminen und Bildschirmen bestimmt. Heute genügt mir oft ein einziges Stück Holz in der Hand, um für Minuten an gar nichts mehr zu denken. Das ist kein Zufall, sondern ein Zustand, der einen Namen hat: Achtsamkeit.
Wer am Attersee nach Treibholz sucht, geht langsam. Der Blick wandert über das Wasser, über Kiesel, über Schlammlinien am Ufer. Die Augen suchen nach Formen, die aus dem Muster herausfallen: eine Krümmung, eine glatte Fläche, eine ungewöhnliche Maserung. Diese Art der Suche lässt kaum Raum für Gedanken an Termine oder offene To-do-Listen. Der Kopf ist mit dem gegenwärtigen Moment beschäftigt, nicht mit der Vergangenheit oder der Zukunft.
Was hier beschrieben ist, deckt sich in weiten Teilen mit dem, was in der Achtsamkeitsforschung als Kernmerkmal gilt: die bewusste, wertungsfreie Wahrnehmung des gegenwärtigen Augenblicks. Ursprünglich aus buddhistischer Meditationspraxis stammend, wird Achtsamkeit heute auch außerhalb spiritueller Kontexte genutzt, etwa zur Stressreduktion. Ein Uferspaziergang mit konkretem Sammelziel bringt diesen Zustand oft schneller herbei als der Versuch, sich beim stillen Sitzen zur Ruhe zu zwingen.
Ein zweiter Effekt kommt hinzu: die Aufgabe selbst ist weder zu leicht noch zu schwer. Ein gutes Fundstück zu erkennen braucht Übung, ist aber keine Überforderung. Genau diese Passung von Fähigkeit und Anforderung beschreibt der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi in seiner Flow-Theorie als zentrale Bedingung für einen Zustand vollständiger, als angenehm erlebter Vertiefung. Grübeln hat in diesem Zustand kaum Platz, weil die Aufmerksamkeit vollständig von der Tätigkeit selbst beansprucht wird.
Während das Sammeln am Ufer über Bewegung und die Hände zur Ruhe führt, geht meine gute Freundin Anna einen anderen Weg zum selben Zustand. In ihrem Beitrag Metta-Meditation: Liebende Güte im Herzraum beschreibt sie eine sitzende Praxis, die über das Herz statt über die Hände arbeitet. Beide Wege teilen dasselbe Ziel: aus dem Gedankenkarussell auszusteigen und im gegenwärtigen Moment anzukommen. Welcher Weg passt, ist oft eine Frage des Naturells, nicht der Wirksamkeit.
Der nächste Spaziergang am Wasser muss kein Sportprogramm und keine Sammelaufgabe sein. Manchmal reicht es, langsamer zu gehen als sonst und genauer hinzuschauen. Wann warst du zuletzt am Wasser, ohne an etwas anderes zu denken?
Wichtiger Hinweis: Dieser Text beschreibt eine entspannende Freizeitpraxis und ersetzt keine therapeutische oder medizinische Behandlung. Bei anhaltender Erschöpfung, Angstzuständen oder anderen psychischen Belastungen empfiehlt sich fachliche Unterstützung.
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