Die meisten Fundstücke, die ich mit nach Hause nehme, werden nie zu einer Skulptur. Nicht, weil sie schlecht wären, sondern weil nur wenige tatsächlich schon eine Form in sich tragen, die sich freilegen lässt.
Wenn ich ein Stück vom Ufer aufhebe, geht es zuerst um die Frage, was darin bereits angelegt ist. Ein Ast mit einer ungewöhnlichen Gabelung kann zum Kopf werden, eine verdrehte Wurzel zu einem Flügel. Das ist kein schneller Blick, oft liegt ein Stück wochenlang in der Werkstatt, bevor sich eine Form zeigt, die vorher nicht zu sehen war.
Diese Herangehensweise unterscheidet sich von klassischem Schnitzen, bei dem eine Form von Anfang an feststeht und das Material entsprechend abgetragen wird. Hier ist es umgekehrt: das Material bestimmt, was möglich ist, nicht umgekehrt.
Bevor überhaupt gestaltet wird, muss das Holz so weit vorbereitet sein, dass es stabil bleibt. Reinigung und ausreichende Trocknungszeit sind hier entscheidend, wie das im Detail abläuft, steht im Artikel zur Treibholz-Deko. Ohne diesen Schritt würde jede weitere Arbeit früher oder später wieder aufplatzen oder sich verziehen.
Der eigentliche Gestaltungsschritt besteht selten aus großflächigem Schnitzen. Meistens geht es darum, lose Fasern zu entfernen, Kanten dort zu betonen, wo sie bereits von Wind und Wasser angelegt wurden, und Bereiche freizulegen, die unter loser Rinde oder Ablagerungen verborgen waren. Diese Zurückhaltung ist bewusst: Ziel ist nicht, dem Holz eine fremde Form aufzuzwingen, sondern sichtbar zu machen, was die Natur bereits vorgegeben hat.
Bei einer Wandskulptur wie dem Adler etwa lag die grundlegende Flügelform schon im gefundenen Ast, die Arbeit bestand darin, die Linie zu verstärken und alles wegzunehmen, was von ihr ablenkte.
Das ist die schwierigste Entscheidung im ganzen Prozess, schwieriger als jeder einzelne Arbeitsschritt davor. Es gibt keinen festen Punkt, an dem ein Stück objektiv fertig ist, nur den Moment, an dem weiteres Bearbeiten der Form eher schaden als nützen würde. Oft hilft es, ein Werk für einige Tage stehen zu lassen und es danach mit frischem Blick zu betrachten, bevor die letzte Entscheidung fällt.
Diese Zurückhaltung ist Teil derselben Philosophie wie das Freilegen selbst: lieber einen Schritt zu früh aufhören als einen zu viel zu tun.
Nicht jedes Stück bleibt vollkommen unbehandelt. Gelegentlich ergänze ich ein Werk mit dezenten Kunstschmiedeelementen oder mit Beleuchtung, etwa bei Objekten, die als Raumleuchte funktionieren sollen. Diese Ergänzungen sind bewusst zurückhaltend gewählt, sie sollen die vorhandene Form unterstützen, nicht von ihr ablenken. Bei einem Bilderrahmen aus zwei kontrastierenden Ästen etwa reicht oft schon die Anordnung selbst, um die Wirkung zu erzeugen, ganz ohne zusätzliche Elemente.
Am Ende steht meist eine Behandlung mit Öl oder Wachs, die den natürlichen Farbton hervorhebt und das Holz zusätzlich schützt. Zu jedem Werk halte ich außerdem fest, wo es gefunden wurde, weil das für mich Teil der Geschichte des Stücks bleibt, auch wenn es längst nicht mehr am Ufer liegt.
Wie das Ergebnis dieses Prozesses aussieht, zeigt die Galerie auf der Startseite, mit Stücken wie Windschatten, Fata Morgana oder dem Adler. Mehr zur Person dahinter steht im Abschnitt über den Gestalter.
Welches Fundstück in deinem eigenen Bestand, wenn du eines hast, trägt wohl schon eine Form in sich, die du bisher übersehen hast?
Zur künstlerischen Tradition, gefundene Naturobjekte als Kunst zu begreifen: Objet trouvé auf Wikipedia.
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